19. September 2020

Albanien – Schweiz 0:1

Nach meinem Besuch des Vorbereitungsspiels zur EURO 2016 zwischen Deutschland und der Slowakei in Augsburg dachte ich, dass es doch auch möglich sein muss ein paar Spiele im Nachbarland ansehen zu können. Der Spielplan bot deutlich mehr an, als die vier Spiele die ich in den nächsten Tagen sehen sollte. Leider bin ich nicht vorher auf die Idee gekommen Frankreich einen längeren Besuch abzustatten und so musste ich mich mit zwei Kurzreisen zufrieden geben. Die erste davon führte mich in den äußersten Norden des Landes nach Lens. Mit dem Auto machte ich mich am wirklich frühen Samstagmorgen vom Allgäu aus allein auf den Weg nach Nordfrankreich.

Während der gut achtstündigen Fahrt unterhält mich Christian Tramitz mit dem Hörbuch Leberkäsjunkie von Rita Falk bestens. Immer wieder erheitern mich die lustigen Szenen des Kommissar Eberhofers bei seiner Jagd nach einem kaltblütigen Mörder im fiktiven niederbayerischen Kaltenkirchen. So kommt keine Langeweile auf und die Müdigkeit hat auch keine Chance. Kurz vor sechs erreiche ich Zweibrücken, wo ich mein Auto nochmal voll tanke, um den eventuellen Streiks der Franzosen aus dem Weg zu gehen. Danach bahnt sich mein Weg weiter durch Luxemburg und Belgien bis ich schließlich gegen halb neun die französische Grenze erreiche.

Je näher ich Lens komme, desto mehr häufen sich Eidgenossen und Albaner mit wehenden Fahnen auf den Straßen Nordfrankreichs. In Lens selbst ist dann gefühlt alles fest in albanischer Hand. Hupkonzert hier, Autodisco da, die Albaner sind wahrlich nicht zu übersehen. Die Schweizer hingegegen bis dato kaum zu sehen, geschweige denn zu hören.

Nachdem ich mich durch das Verkehrschaos in der 30.000 Einwohner zählenden Kleinstadt gekämpft habe, finde ich gegen 10:00 Uhr einen hervorragenden, kostenfreien Parkplatz nur einen Kilometer vom Stade Bollaert-Delelis, dem heutigen Austragungsort der zweiten Paarung dieser Europameisterschaft. Da ich mittlerweile ziemlich hungrig bin, mache ich mich erstmal auf den Weg was zu Essen zu organisieren. Baguette mit Würstschen darf es natürlich sein. Die Frage nach „Moutard“ auf meinem Würstschen, beantworte ich mit Hilfe meiner Schulfranzösischkenntnisse mit „Oui, beaucoup“, was sich schon sehr schnell als großer Fehler rausstellen sollte. Der Kollege vor Ort verwendete nämlich nicht den in Deutschland üblichen mittelscharfen Senf, sondern Dijon Senf, extra scharf musste es sein. Ich biss von meinem Baguette ab und muss in diesem Moment ausgesehen haben wie eine Comicfigur mit dampfenden Ohren und feuerroten Kopf. Ich bestelle zur Sicherheit noch schnell zwei Carlsberg im Bistro nebenan, um den auftretenden Flächenbrand entgegenzuwirken. Nachdem ich gut 90 Prozent des Senfs entfernt hatte, konnten meine Geschmacksnerven auch wieder etwas anderes als Schärfe warnehmen.

Gut gestärkt machte ich mich dann erstmal auf die Umgebung zu erkunden. Ich schaute mir das Stadion an und machte erste Fotos, danach ging es in die Innenstadt, um die feiernden Fans zu sehen und meine Eintrittskarte für das Spiel abzuholen, welche ich glücklicherweise im Tooor-Forum noch ergattern konnte. Da es sich bei der Partie um eine Art Derby handelte, war es relativ schwierig geworden Tickets zu normalen Preisen für diese Party zu bekommen. Auf dem Schwarzmarkt wurden Tickets um die 300 EUR angeboten, aber dank tooor.de konnte ich zum Originalpreis ins Stadion.

Meine Platz befand sich im Oberrang der Haupttribüne mit bester Sicht auf das Spielfeld, direkt neben den Plätzen der Medienvertretern von Presse, Rundfunk und Fernsehen. Das Spiel selbst begann ziemlich temporeich und die Eidgenossen gingen durch einen Kopfball von Schär bereits nach fünf Minuten in Führung. Die Albaner hielten aber ordentlich dagegen, wussten sich aber ein ums andere Mal nur mit Fouls zu helfen. Albaniens Kapitän Cana musste nach einem Handspiel bereits nach etwas mehr als einer halben Stunde mit der Ampelkarte vom Feld, da er zuvor schon von Schiedsrichter Carlos Velasco Carballo verwarnt worden war. Beim folgenden Freistoß rettete der Pfosten für die Südeuropäer. Die Schweizer wollten jetzt mehr, konnten die Überzahl jedoch nicht nutzen.

Auch nach der Pause war die numerische Überzahl der Eidgenossen kaum spürbar. Albanien wurde immer frecher und kam immer wieder gefährlich vor das von Jan Sommer gehütete Schweizer Tor. Kurz vor Schluss hatte dann Gashi allein vor Sommer die Riesenchance zum Ausgleich, aber der Torhüter der Schweizer rettete am Ende einen glücklichen Sieg für die Petkovic-Elf.

Nach dem Spiel mache ich mich auf den Weg zu meiner Unterkunft. Für 25 EUR nächtige ich bei einem netten Ehepaar in Beaucamps-Ligny. Der Ort ist nicht sonderlich groß, hat aber alles was man zum Leben braucht, einen Bäcker, einen Metzger, eine Kneipe und ein feines Restaurant. Zu fein für mich, wie mir die Speisekarte von außen signalisiert. Ich besuche noch den Deutschen Soldatenfriedhof, ehe ich mir im Nachbarort Fournes einen leckeren Elsässer Flammkuchen besorge. Der Pizzabecker und seine Frau unterhalten sich mit einem Stammgast über das Spiel in Lens und ich erzähle mehr schlecht als recht, dass ich gerade von da komme. Die Frau spendiert mir sofort ein Bier auf Kosten des Hauses und wir unterhalten uns, so gut es meine Französischkenntnisse zulassen. Als mein Flammkuchen fertig ist bedanke ich mich und fahre zurück nach Beaucamps-Ligny. In der Unterkunft angekommen, verzehre ich mein soeben erworbenes Abendmahl und verfolge noch die Partie zwischen England und Russland, in derem Vorfeld es zu schweren Ausschreitungen gekommen war. England kam nicht über ein 1:1 hinaus und konnte wirklich nur selten überzeugen.