10. August 2020

West Ham United – Stoke City 0:0

Ich sitze im Stansted Express am Flughafen vor den Toren Londons in dem meine achttägige, durchaus als verrückt zu bezeichnende Stadiontour quer durch das Mutterland des Fußballs beginnt. Obwohl ganz richtig ist das nicht, denn schließlich hat mich ja der Billigflieger der Marke Ryanair vom Allgäu Airport aus in Memmingen auf die britische Insel gebracht. Gestern Abend noch schön mit den Kollegen zusammen die Firmenweihnachtsfeier besucht, drei Bierchen getrunken, hervorragend gespeist und keine zwölf Stunden später alleine durch ein Land reisend, dass Lammfleisch an Minzsoße für eine Köstlichkeit hält. Allein der Gedanke daran lässt meinen gerade aufkommenden Hunger wie von Zauberhand verschwinden.

Der Express bringt mich in nur 47 Minuten zur Tube Station Liverpool Street. Der Zug ist sehr leer, was entweder daran liegt, dass alle 15 Minuten ein Zug Richtung Stadtmitte fährt oder daran dass eine einfache Fahrt stolze 20 Pfund kostet. Der Bus ist hier eindeutig die günstigere Alternative. Da ich es aber ein wenig eilig habe, kaufe ich ein Return Ticket und oben drauf gleich noch eine Oystercard, um in der Liverpool Street gleich weiter in die U-Bahn umsteigen zu können, ohne weiter Zeit zu verlieren. Exakt um 12:00 Uhr verlasse ich den Bahnhof Liverpool Street mit der Hammersmith & City Line in Richtung Ost London. Meinen Zielbahnhof East Ham erreiche ich nach zehn Haltestellen etwa 25 Minuten später. Um eventuelle Verzögerungen bei der Anreise nicht zu einem größeren Problem werden zu lassen, habe ich ein Hotel nahe dem Boleyn Ground, dem Stadion von West Ham United, gebucht. Selbst mit zwei Stunden Verspätung wäre ich somit immer noch in der Lage pünktlich zum Anstoß im Stadion zu sein.

Dem Fußballgott sei dank ist diese großzügige Zeitkalkulation ohne Bedeutung, denn nach nur fünf Minuten Fußweg stehe ich mit meinem kleinen Koffer in der Lathom Road 42. Eine schöne Reihenhaussiedlung, typisch für den Stadtrand der britischen Hauptstadt. Aber wo ist mein Hotel? Ich schaue nochmal auf mein Smartphone und überprüfe die Hotelbuchung, Paradise Accomodation, Lathom Road 42, East Ham London. Nirgendwo finde ich nur das Kleinste Anzeichen dafür vor meinem Hotel zu stehen. In dem Glauben vor der richtigen Tür zu sein, wähle ich die hinterlegte Telefonnummer und erkundige mich ob ich richtig bin. Das Gespräch Ist noch nicht beendet und die Besitzerin Nel öffnet mir die Tür. Keinen Penny hätte ich darauf gewettet, dass diese Tür der Zugang zu meiner Unterkunft ist. Der Check-In verläuft problemlos. Schnell noch die 90 Pfund für die zwei Übernachtungen per Kreditkarte bezahlt, den Check-In Informationszettel mit meinen persönlichen Daten ausgefüllt und schon ging es die schmale und steile Treppe hinauf zum Zimmer Nr. 5. Alles sauber, toll eingerichtet mit kleinem Flachbildfernseher und einem angenehmen und sehr gemütlichen Doppelbett. Genau das Richtige, wenn man eigentlich nur zum Übernachten ein Bett braucht. Ein kleines Gemeinschaftsbad mit einer tollen Wellnessdusche und WC direkt nebenan gehören auch noch dazu. Es ist einfach perfekt für mich.

Inzwischen ist es kurz vor ein Uhr. Noch etwas mehr als zwei Stunden Zeit bis zum Anstoß der ersten Partie meiner Reise. West Ham United trifft auf den Stoke City Football Club im altehrwürdigen Boleyn Ground. Seit 1934 tragen die Hammers ihre Heimspiele hier aus. Diese Spielzeit ist jedoch die Letzte für West Ham United in diesem Stadion, denn ab kommenden Sommer spielt der Club aus dem Londoner Osten im gerade im Umbau befindlichen Olympiastadion, welches für die Spiele im Jahr 2012 neu gebaut wurde. Für mich ist es also die letzte Möglichkeit den Boleyn Ground während eines Fußballspiels zu besuchen. Kurz nach der Ankunft im Hotel mache ich mich also wieder auf den Sprung. Der kurze Fußweg durch zwei Querstraßen bringt mich vor die großen Eisentore des Priory Parks, von wo aus ich bereits die Rückseite des Sir Tervor Booking Stand sehen kann. Ich durchquere die schön angelegte Grünanlage, biege nach links ab und sehe Busse mit der Aufschrift „The Potters“, sowie Fans in rot-weiß gestreiften Trikots soweit das Auge reicht. Die Fans aus Stoke sind genauso zeitig dran wie ich. Ich laufe hinter der alten Gegentribüne entlang und komme dann auf die berühmte Green Street. Auch hier ist bereits ein buntes Treiben in Gange. Wobei die Fans von West Ham hier doch deutlich in der Überzahl sind. Ich mache noch ein paar Fotos vom sehenswerten Haupteingang mit den beiden großen gelben Türmen und dem Logo mit den zwei gekreuzten Hämmern. Danach statte ich dem sehr gut gefüllten Fanshop noch einen Besuch ab. Überall sind die „Farewell Boleyn 1934 – 2016“ Produkte zu sehen. Sogar der Auszug aus einem Stadion wird hier ordentlich vermarktet und kommt offensichtlich gut an. Kaum ein Fan der den Fanshop betritt geht mit leeren Händen wieder heraus. Ich bin da so ziemlich die einzige Ausnahme.

Bevor ich jedoch in das Stadion hinein gehe, gönne ich mir noch eine ordentliche Portion Hühnchen in Papa’s Chicken, eines von unzähligen Fastfood Restaurants in der Green Street. Es ist meine erste Mahlzeit, seit einem kleinen Frühstück heute morgen. Fünf Chicken Stripes, ein Chicken Filet Burger, eine ordentliche Portion Pommes und eine Cola Light für insgesamt fünf Pfund geben mir das Gefühl die nächsten drei Tage nichts Essen zu müssen. Ich verlasse das Fast Food Restaurant und mache mich auf dem Weg zum Eingang. Kurz nach zwei Uhr und einer kurzen Kontrolle am Einlass gehe ich durch das schmale Drehkreuz ins Stadion hinein. Vielleicht kommt mir das Drehkreuz auch nur so schmal vor, nachdem ich so reichhaltig gegessen habe. Mein Ticket für einen Platz im Unterrang des Bobby More Stand habe ich bereits vier Wochen vor meiner Reise für 27 Pfund im Online Shop der Hammers gekauft. Als ich durch den Gang in den Innenraum des Stadions gelange bin ich überrascht. Mit einem Sitzplatz in der ersten Reihe des Stadions ist man im wahrsten Sinne des Wortes auf Ballhöhe. Ich mache erst einmal ein paar Fotos und begebe mich anschließend auf meinen Platz in Reihe 26, von dem aus ich eine ganz passable Sicht auf den Rasen habe. Kurze Zeit später begrüßt der Stadionsprecher bereits die Torhüter zum Aufwärmen und auch die Mannschaften lassen nicht mehr lange auf sich warten. Es dauert fast bis zum Anpfiff, bis der letzte Platz im Stadion belegt ist, vermutlich der Tatsache geschuldet, dass es in englischen Fußballstadien nicht erlaubt ist Bier auf den Tribünen zu trinken.

Nach der Galavorstellung am letzten Spieltag gegen Manchester City, geriet die Offensivabteilung von Stoke ein wenig ins Stocken. Trotz einiger guter Chancen machte sich das verletzungsbedingte Fehlen von Xherdan Shaqiri bemerkbar. Gemeinsam mit Marko Arnautovic hatte das Duo zuletzt die gegnerischen Verteidigungsreihen zur Verzweiflung gebracht. Auch Die Mannschaft von Slaven Bilic hatte einige Probleme Chancen zu kreieren und ist seit mittlerweile sechs Spielen ohne Sieg. Am Ende blieb es bei einem torlosen Remis der besseren Sorte, nachdem auf beiden Seiten einmal das Aluminium einen möglichen Siegtreffer verhinderte.

Nach dem Abpfiff bleibe ich noch ein wenig auf meinem Platz, schließlich habe ich keine Eile die nächste Tube oder den nächsten Bus weg vom Stadion zu bekommen. Als ich gerade am Aufbrechen bin, sehe ich Stoke Torwart Jack Butland zurück zum Tor vor dem Bobby Moore Stand kommen. Warum genau weiß ich nicht, aber es scheint als habe er noch etwas vergessen zu haben. Ich nutze die Gelegenheit und frage ihn, ob es möglich sei ein Foto mit ihm und mir zu machen. Er nickt und kommt die drei Schritte zu mir rüber, beugt sich herunter und schon ist der Selfie mit einer der größten englischen Torwarthoffnungen im Kasten. Anschließend bittet mich ein Ordner freundlich das Areal zu verlassen. Vor dem Ausgang checke ich auf einem TV Gerät noch die Ergebnisse der andern Spiele und mache mich dann zurück auf den Weg zur Unterkunft.

Am Priory Park stehe ich dann vor verschlossenem Tor. Ich bin jedoch nicht der Einzige der diesen Weg zurück nehmen will. Kevin, ein 69 jähriger Ex-Polizist im Ruhestand und seine drei Begleiter Pete, Barry und Geoff sind ebenfalls auf dem Weg zurück zu ihrer Unterkunft. Die vier sind aus Stoke und wie sich herausstellt, ist ihr Hotel nur etwa zehn Minuten Fußweg von meinem entfernt. Wir nehmen den selben Weg zurück Richtung East Ham Tube Station und verabschieden uns. Kevin läd mich ein ihm und seinen Freunden heute Abend im Pub „The Ruskin“ ein wenig Gesellschaft zu leisten und bei dem ein oder andern Pint noch etwas zu plaudern. Da ich eh nichts weiter für den Abend geplant habe, nehme ich die Einladung gerne an und mache mich erstmal kurz auf den Weg ins Hotel.

Eine heiße Dusche später mache ich mich gleich wieder auf den Weg zum Pub. Kevin und die Jungs sitzen schon gemütlich auf zwei Sofas und schauen Goals Express auf zwei großen Flachbildfernsehern. Eine Sendung die innerhalb 60 Minuten alle Tore der zweiten bis vierten Profiliga zeigt. Da ich außer mit Kevin noch mit keinem gesprochen habe, stelle ich mich erst einmal vor. Ich bin noch nicht richtig fertig, da fragt mich Pete bereits was ich trinken will. Ich nehme ein Pint Fosters und Pete, der mit Abstand der Jüngste der vier Stoke Anhänger ist, macht sich auf den Weg zur Bar. Es ist ein toller Abend, mit super netten Leuten, die sich als durchaus trinkfest erweisen. Sie sind erstaunt wie gut ich mich im englischen Fußball auskenne und wir machen eine kleine Quizrunde mit durchaus tollen Fragen. Geoff hat dabei ein paar ganz kreative Ideen. Auf der großen Leinwand im Pub läuft inzwischen eine Liveübertragung vom Boxen aus der nahe gelegenen O2 Arena. Ein junger Mann namens Anthony Joshua boxt im Hauptkampf des Abends gegen Dillian Whyte. Joshua’s bisherige Kampfbilanz ist beeindruckend, genauso die emotionalen jungen Leute im Pub die dem Londoner die Daumen drücken. In der achten Runde geht Whyte zu Boden und der Jubel im Pub ist schier grenzenlos. Joshua gewinnt im 21. Profikampf seiner Karriere zum 21. Mal und zum 21. Mal durch Knock-Out.

Nach dem fünften Pint bin ich froh, dass einer der Barkeeper die berühmte Glocke zur letzten Runde läutet. Die Jungs lassen sich die Chance natürlich nicht nehmen und bestellen noch eins für den Weg, oder wie sie es nennen „One for the road!“. Ich bin heilfroh, dass ich am Nachmittag so reichlich gegessen habe, da ich ansonsten wohl nicht mehr zurück zum Hotel laufen könnte. Wir verabreden uns für morgen zwischen halb und um neun zum Frühstück an gleicher Stelle, weil der Zug von London nach Stoke erst um kurz nach ein Uhr geht. Das All-you-can-eat Angebot zum Frühstück für 3,50 Pfund ist ein weiterer Grund morgen Vormittag noch einmal hier aufzuschlagen. Auch wenn ich nicht sicher bin ob ich dann schon wieder was essen kann, werde ich versuchen den vier Jungs nochmal Gesellschaft zu leisten. Der späte Heimweg zum Hotel, tut mir sehr gut und ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es bereits kurz nach zwei Uhr morgens ist und mir somit eine weitere kurze Nacht bevorsteht.

Spielstatistik

West Ham United – Stoke City 0:0

Premier League 2015/2016, 16. Spieltag
12.12.2015, 15:00 Uhr
Boleyn Ground (London), 34.900 Zuschauer
Schiedsrichter: Andre Marriner (England)

Tore: keine